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Impulse
Der Wassertropfen und das Ja
Es war einmal -

ein Tropfen.

Tief verborgen in einer stillen, reinen Quelle.
Eins mit dem Ursprung.
Teil von allem.

Eines Tages geschah etwas -
einfach, natürlich, ohne Grund:

Der Tropfen löste sich.

Nicht aus Mangel.
Nicht aus Notwendigkeit.

Es geschah.

Und in diesem Geschehen lag sein
erstes Ja.

Er sagte Ja
zu seiner Reise in die Welt,
ohne zu wissen, wohin sie führen würde.

Er wurde zum Tropfen im Fluss des Lebens,
und begann, Formen anzunehmen,
Zustände zu wechseln, ohne
Widerstand.

Er war Tropfen,
doch er war mehr als das.

Er war Eis,
war Schnee,
war Dampf,
war flüssig.

Er nahm jede Form an -
doch blieb immer das Eine:
Wasser.

Sein Wesen veränderte sich nie.
Nur die Gestalt.

Er ward im Stein,
in der Erde,
in der Pflanze.

Er floss durch Tiere,
lebte in Menschen.

War Träne.
War Schweiß.
War Atem.

Er war Hitze.
Er war Kühle.
Er war Verdunstung und Kondensation.

Ein Kommen und Gehen
in immer neuen Kreisläufen.

Er begegnete Schmerzen.
Er berührte Freude.
Er kannte das Leben
und die Stille des Rückzugs.

Und in jeder Form sagte er Ja.

Und in all dem war er nicht gegen
das Leben -
er war mit ihm.

Nicht als Widerstand.
Sondern als Fluss.

Nie fragte er:
„Warum bin ich hier?“

Nie klagte er:
„Warum ich?“

Er war Bewegung.
Und Bewegung war Leben.

Während seiner Reise traf er auf
viele Menschen.

Manche weinten,
weil das Leben schwer war.

Manche kämpften gegen das,
was sie nicht ändern konnten.

Und der Tropfen verstand:
Die Menschen hatten das Ja
vergessen.

Sie wollten bestimmen,
wie das Leben zu sein hat,
anstatt es zu leben, wie es eben ist.

Sie dachten, das Meer müsse immer
ruhig sein -
keine Wellen, kein Auf und Ab.

Doch der Tropfen wusste:
Keine Welle bedeutet Stillstand.
Stillstand bedeutet Tod.

Leben ist Bewegung.
Leben ist Wandel.
Leben ist Ja.

Die Menschen, durch die er floss,
nannten manches Schicksal,
manches Fehler,
manches Leid.

Für den Tropfen war es einfach, was
es war.

Er hatte keine Meinung.
Kein Urteil.
Kein richtig oder falsch.

Nur dieses stille, grundlose Ja
zu dem, was war.

Manchmal stieß er auf Mauern.
Er blieb nicht stehen.
Er kämpfte nicht.
Er zerbrach nicht.

Er floss anders.
Oder er verdampfte.
Oder er wartete.

Es gab immer einen Platz für ihn.
In welcher Form auch immer.

Eines Tages -
nach unzähligen Wandlungen -
fühlte der Tropfen, dass er zurückgerufen wurde.

Zurück zur Quelle.
Zurück zu dem Ort, aus dem er kam.

Und auch jetzt sagte er Ja.

Nicht weil er musste.
Nicht weil er sollte.

Sondern weil das Leben nichts anderes ist
als eine lange Reihe von Entscheidungen -
und jedes einzelne Ja
ein Schritt zurück nach Hause.

Er erinnerte sich:

Dass er nie wirklich getrennt gewesen war.
Dass Quelle und Tropfen nie zwei waren.
Dass das, was Menschen Geburt nennen,
nur ein Übergang der Form ist.

Und was sie Tod nennen,
nur ein weiteres Ja
zum Loslassen.

Im tiefsten Inneren des Tropfens
war ein Ort,
der nie gefroren war,
nie verdampft,
nie bewegt.

Ein Grund ohne Warum.
Ein Sein ohne Ursache.
Ein Ja,
das keiner Begründung bedarf.

Und so kehrte der Tropfen zurück zur
Quelle,
ohne je gegangen zu sein.

Nicht schneller.
Nicht langsamer.
In seinem eigenen Tempo.

Denn jeder Tropfen hat sein Maß.
Seine Zeit.
Seine Form.

Und wenn du jetzt innehältst,
vielleicht spürst du es:

Dieses Ja in dir -
älter als jede Geschichte,
tiefer als jede Verletzung,
stiller als jeder Gedanke.

Ein Ja,
das nicht zustimmt,
und nicht verneint.

Ein Ja,
das einfach ist.

Vielleicht ist das alles,
was das Leben je von uns wollte:

Nicht mehr kämpfen.
Nicht mehr begründen.
Nicht mehr verstehen müssen.

Sondern -
wie Wasser -
mit dem Leben fließen.

Und sagen:

Ja.

Denn auch in dir lebt dieser Tropfen.

Er ist in deinem Atem.
In deinem Blut.
In deiner Träne.

Und auch du bist auf dieser Reise.

Die Frage ist nicht:

„Woher komme ich?“

oder

„Wohin gehe ich?“

Die einzige Frage ist:

Sagst du Ja?
– Marlies Koel –
Weitere Impulse
Original oder Kopie? +
LEBE ICH NOCH ALS ORIGINAL?
Oder bin ich zu dem geworden, was andere brauchten?

Vielleicht beginnt die wichtigste Frage deines Lebens nicht dort, wo du heute stehst.
Nicht bei deinem Erfolg.
Nicht bei deinen Entscheidungen.
Nicht bei dem Bild, das andere von dir haben.

Vielleicht beginnt sie viel früher.
An einem stillen Punkt vor der Erinnerung.
Dort, wo noch nichts benannt war.
Dort, wo du noch nicht gelernt hattest, dich zu erklären.
Dort, wo du einfach warst.

Ganz am Anfang.

Noch bevor man dir sagte, wer du sein sollst.
Noch bevor du gelernt hast, stark zu wirken.
Noch bevor du verstanden hast, dass Anpassung Sicherheit verspricht.

Du wächst in einer Welt auf, die dir früh lehrt, dass Leben mit Kampf beginnt.
Mit Konkurrenz.
Mit Durchsetzen.
Mit Gewinnen.

Der Schnellste setzt sich durch.
Der Stärkste überlebt.

So wird es dir erzählt.
So wird es von dir geglaubt.
So sickert es in dein Menschenbild ein.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es spannend wird.
Vielleicht beginnt genau hier die Entfremdung.

Was, wenn Leben gar nicht mit Kampf beginnt?
Was, wenn dein Ursprung nicht im Sieg liegt, sondern in Resonanz?
Nicht in der Frage, wer besser ist, wer gewinnt.

Wie viele Geschichten trägst du in dir, die nie wirklich deine waren?
Geschichten über Wert.
Über Leistung.
Über Liebe.
Über Zugehörigkeit.

Dass du nur wertvoll bist, wenn du leistest.
Dass du nur bleiben darfst, wenn du dich anpasst.
Dass du nur geliebt wirst, wenn du funktionierst.

Du lernst, dich einzufügen.
Du lernst, dich lesbar zu machen.
Du lernst, eine Form von dir selbst zu erschaffen, mit der du durchkommst.

Doch bleibt manchmal eine leise Frage zurück:

Ist das wirklich wahr?
Bin ich das wirklich?

Vielleicht liegt darin eine der stillsten Tragiken des Menschseins:
Dass du als Original geboren wirst
und dich im Laufe der Zeit immer weiter zu einer Kopie formst.

Zu einer Kopie dessen, was andere einmal für richtig hielten.
Zu einer Kopie von Erwartungen.
Zu einer Kopie von Vorstellungen über Sicherheit, Erfolg und Zugehörigkeit.

Das geschieht nicht aus Bosheit, nicht aus Schwäche,
sondern aus Sehnsucht, einen Platz zu finden.
Aus dem Wunsch, dazuzugehören.

Doch jede Anpassung, die nicht aus Wahrheit geschieht, hinterlässt einen leisen Riss.
Und irgendwann spürst du ihn.

Jede Anpassung hat ihren Preis.
Alles, was du nur tust, um dazuzugehören,
entfernt dich ein Stück von dem, was du in Wahrheit bist.

Ein Gefühl von Fremdheit im eigenen Leben.

Du merkst es vielleicht:
Es funktioniert alles und doch fehlt etwas.

Das Original in dir ist selten laut.
Es drängt sich nicht auf.
Es wartet.

Manchmal ist es unbequem oder nicht sofort gesellschaftsfähig.

Wie ein stiller Raum hinter all den Rollen.
Wie ein unberührter Grund.
Wie etwas, das nicht gemacht werden muss, weil es schon immer da war.

Es hat etwas, was keine Anpassung hervorbringen kann:
Es hat Kraft, Richtung und Leben.

Dort lebt nicht die Kopie.
Dort lebt dein Wesen.

Und dieses Wesen fragt nicht:
Wie passe ich besser hinein?

Es fragt:
Wie werde ich wahr?

Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb nicht:
Wie werde ich noch besser in dem, was von mir erwartet wird?

Vielleicht lautet sie vielmehr:

Wer könntest du sein, wenn du aufhörst, dich anzupassen?
Wer könntest du sein, wenn du aufhörst, nur zu funktionieren?
Wer könntest du sein, wenn du aufhörst zu versuchen, jemand zu werden,
sondern den Mut findest, du selbst zu sein?

Das ist keine kleine Frage.
Es ist eine Schwellenfrage.
Eine Frage an dein Leben.
Eine Frage an deine Seele.

Denn vielleicht ist das Tragischste im Leben nicht, zu scheitern.
Vielleicht ist das Tragischste, am Ende festzustellen,
dass dein eigenes Leben funktioniert hat —
du selbst aber nie ganz darin anwesend warst,
nie ganz darin vorgekommen bist.

Vielleicht beginnt Wandlung genau dort,
wo du still genug wirst,
um wieder zu hören,
was in dir nie aufgehört hat, wahr zu sein.

Dann wird aus der Frage
„Original oder Kopie?“
eine Einladung.

Eine Einladung, dich nicht länger an dem zu messen,
was von dir erwartet wurde.
Sondern an dem, was durch dich ins Leben kommen will.

Vielleicht ist das Original in dir nie verloren gegangen.
Vielleicht hat es nur gewartet.
Geduldig.
Still.
Lichtvoll.

Und vielleicht ist genau jetzt der Moment,
in dem du dir wieder begegnest.

– Marlies Koel –
Hinweis zum Impuls
Dieser Text möchte Dir als Impuls dienen.

Vielleicht berührt Dich etwas darin — dann nimm es gerne mit auf
Deinen Weg.

Und wenn nicht, darf es einfach da sein und wieder weiterziehen.
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